„The big five man“: Ein unermüdlicher und ehrgeiziger Arbeiter

Nach fünf extrem erfolgreichen Jahren im Deutschland-Achter übernehmen zum Karriereende von Jakob Schneider einige Weggefährten das Wort

Nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro rückte Jakob Schneider erstmals in den Deutschland-Achter und war seitdem stets fester Bestandteil des Paradebootes. Fünf Jahre später hat der 27-Jährige, der seit der sechsten Klasse im Ruderboot sitzt, nach Silber bei den Olympischen Spielen in Tokio seine Ruderkarriere beendet. Die Bilanz des „big five man“, wie der 1,99-Meter-Hühne direkt bei seinem ersten EM-Gewinn 2017 von World-Rowing-Kommentator Martin Cross getauft wurde, ist beeindruckend: Bei Welt- und Europameisterschaften blieb er im Deutschland-Achter unbesiegt, holte insgesamt neun Goldmedaillen. Zum Abschied erzählen einige seiner Weggefährten von ihren Erlebnissen mit Jakob Schneider.

Ernsting: „Ein total entspannter Typ“

Einer der ersten Zweierpartner von Jakob Schneider im A-Kader war Clemens Ernsting, mit dem er 2015 bei der Universiade im Vierer Gold gewann und im Zweier mit Steuermann Jonas Wiesen WM-Silber holte. Dabei stand die Paarung anfangs unter keinem guten Stern. „Für mich war es damals eine recht schwierige Situation, weil ich gerade die Position als Ersatzmann im Team Deutschland-Achter verloren hatte. Und Jakob hatte frisch die Seite gewechselt. Die ersten Wochen war es eine Katastrophe, wie wir zusammen gerudert sind, ein Grauen. Dann kamen wir langsam in Fahrt. Ein guter Motivationsschub und ein Wendepunkt war die Universiade“, berichtet Ernsting: „Das war ein Ereignis, das unheimlich viel Spaß gemacht hat. Da konnten wir Olympialuft schnuppern. Die Saison 2015 hatte viele Höhen und Tiefen, am Ende war es ein richtig gutes Jahr. Diese Zeit hat uns zusammengeschweißt.“

Sportlich begleitete Ernsting Schneiders erste Schritte im Team Deutschland-Achter. „Im Boot war Jakob immer ein akribischer Arbeiter und sehr selbstkritisch. Er hat das Erreichte gerne etwas klein geredet, auch als wir uns 2015 im Zweier mit Steuermann durchgesetzt hatten. Er wollte immer mehr. Das hat ihn zwei Jahre später in den Achter gebracht“, sagt Ernsting: „Anfang 2017 habe ich meine Karriere zugunsten meiner Familie beendet, leider zu einem schlechten Zeitpunkt – das war eine Woche vor der Langstrecke in Leipzig. Ich hatte ein sehr schlechtes Gewissen, aber rückblickend war es das Beste, was Jakob passieren konnte, denn daraufhin wurde er mit Hannes Ocik zusammengesetzt. Der Rest ist ja bekannt.“ Im Zweier mit Ocik gelang Schneider der Sprung in den Deutschland-Achter.

Nach Ernstings Karriereende sind Schneider und Ernsting in Kontakt geblieben, das soll auch in Zukunft so bleiben: „Wir sind über die Jahre gut zusammengewachsen und auf einer Wellenlänge. Wir quatschen über jeden Mist.“ Ernsting schätzt Schneider nicht nur als Sportler, sondern auch als Menschen: „Jakob ist wegen seiner Größe kaum zu übersehen“, beginnt Ernsting seine Beschreibung über seinen ehemaligen Zweierpartner und lacht: „Jakob ist eine sehr treue Seele, auf die man sich verlassen kann. Er hat richtig Bodenhaftung und ist tief verwurzelt. Er ist jemand, der im Hintergrund immer hart arbeitet und sich dabei nicht in den Vordergrund drängt – und wenn, dann auf ironische Weise. Jakob ist insgesamt ein total entspannter Typ.“

Wiesen: „Er liefert auf den Punkt“

Am WM-Erfolg im gesteuerten Zweier war Jonas Wiesen als Steuermann beteiligt. Ein Jahr später machte Schneider nach einem krankheitsbedingten Ausfall nochmal einen Abstecher in den U23-Bereich und holte mit Wiesen im U23-Achter 2016 WM-Bronze. „Wir haben als junge Leute zusammen Medaillen geholt, das hat uns schnell verbunden. Jakob und ich haben uns immer ausgetauscht und in den Trainingslagern viel Zeit zusammen verbracht“, erzählt Wiesen und beschreibt seinen Eindruck von Schneider: „Jakob war immer super gut drauf. Er war jemand, mit dem man quatschen und Spaß haben konnte. Er war auch nie so im Mainstream unterwegs, hatte oft positiv verrückte Ideen. Das hat ihn als Mensch super spannend und interessant gemacht. Jakob ist einer, der nicht vergessen hat, dass es im Leben auch noch andere Dinge gibt als Rudern. Mit ihm kann man die Zeit genießen.“

Wenn Schneider allerdings im Ruderboot sitzt, zeigt er auch eine andere Seite von sich – dann wird er zum unermüdlichen Arbeiter. „Du kannst dich im Boot zu hundert Prozent auf ihn verlassen, das hat ihn schon damals ausgezeichnet. Er liefert auf den Punkt und wirft in den Rennen bis zur Ziellinie alles rein, was er hat. Das ist eine Eigenschaft, die man gerne im Boot hat“, sagt Wiesen und hebt eine weitere Eigenheit hervor: „Jakobs mit Abstand größte Stärke ist, dass er immer gut zugehört hat und viel lernen wollte. Er hat alles aufgesaugt und auch seine eigenen Ideen eingebracht.“

Zum Abschied schickt Wiesen noch einen Gruß raus: „Jakob hat einen super Karriereweg genommen und seine Chance 2017 genutzt – seitdem war er aus dem Deutschland-Achter kaum noch wegzudenken. Ich hoffe, dass er sich seinen Mix aus Ernst und Spaß weiter beibehalten wird und auch außerhalb vom Rudern seinen Weg so erfolgreich machen wird.“

Leske: „Typisch Schneider“

Bei seinem erneuten Abstecher in den U23-Bereich kreuzten sich auch die Wege mit Marc Leske. „2016 saßen wir zusammen bei der WM im U23-Achter und konnten zusammen Bronze gewinnen. Seine ehrgeizige Art und sein Verlangen, sich immer bei allem zu messen, haben ihn dann im Anschluss auch in den Deutschland-Achter gebracht“, meint Leske: „Ich habe es genossen, ihn als Trainingskollegen in der Gruppe gehabt zu haben. Mit seiner lockeren Art und immer einem Spruch auf Lager, hat er so manch harte Einheit deutlich erleichtert, ‚typisch Schneider‘ halt!“

Gemeinsam teilen die beiden ein spezielles Hobby. Leske freut sich auf das nächste Treffen: „Wir werden auch in Zukunft noch einige Kilometer zusammen auf dem Wasser verbringen, denn wahrscheinlich bin ich maßgeblich daran ’schuld‘, dass Jakob das Segeln für sich entdeckt hat, dem Wassersport also weiterhin treu bleibt, auch wenn er jetzt selber nicht mehr für Vortrieb sorgen muss. Wir sehen uns jetzt nicht mehr auf dem Kanal, sondern auf den Meeren dieser Welt. Also weiterhin immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel!“

Weißenfeld: „Einen Riesenanteil am Erfolg“

Mit am längsten aus dem Team Deutschland-Achter rudert Schneider mit Johannes Weißenfeld zusammen. „Jakob und mich hat es immer wieder gemeinsam ins Boot gezogen. Wir rudern seit 2012 zusammen, als wir Bronze im Vierer bei der Junioren-WM geholt haben. Er war ein Spätstarter, aber am Ende des Juniorenbereichs hat er einen Riesensprung gemacht. 2014 haben wir im Vierer bei der U23-WM Silber gewonnen, und später hat es uns gemeinsam in den Deutschland-Achter verschlagen“, berichtet Weißenfeld, der nach seinem Umzug nach Dortmund mit seinem Zweierpartner Max Korge und Schneider in eine Ruder-WG zog: „Ich habe damals gleich an ihn gedacht, wir hatten die gleichen Ambitionen und menschlich einen guten Draht zueinander. Wir haben vier Jahre zusammengelebt und haben uns gut verstanden. Es war eine angenehme, schöne Zeit. Wir haben immer an einem Strang gezogen.“ Auch nach dem Ende der WG blieb die Freundschaft, gemeinsam gehen die beiden bis heute gerne Rennradfahren, letztens war Weißenfeld in Schneiders Heimat Ihringen zu Besuch, dort wurden auch die Weinberge erkundet.

Sportlich legten die beiden im Deutschland-Achter eine fabelhafte Serie hin, sammelten vier WM- und fünf EM-Titel sowie Olympia-Silber. „Jakob ist ein sehr extremer Mensch – er kennt nur an oder aus, aber meistens nur an“, sagt Weißenfeld mit einem Lachen: „Er ist ein unglaublich ehrgeiziger Mensch, der sich häufig viele Gedanken macht, um sich zu verbessern. Und du kannst dich auch darauf verlassen, dass er am Ende des Rennens fast aus dem Boot kippt. Er will immer alles aus sich rausholen. Damit hat er das Team immer wieder nach vorne getrieben. Er hat einen Riesenanteil am Erfolg der letzten Jahre.“

08.10.2021 | von Felix Kannengießer

 

Jakob Schneiders Karriere im Team Deutschland-Achter in Bildern.

Termine & ergebnisse

SH Netz Cup in Rendsburg:

Stadtwerke SH Ergo-Cup der internationalen Achter (500 Meter): 1. Polen 1:20,3 Min., 2. Deutschland-Achter 1:20,4, 3. Niederlande 1:21,8

Emil Frey Küstengarage Ruder-Sprint-Cup der Internationalen Achter (400 Meter), 1. Rennen: 1. Deutschland-Achter 1:01,52 Min., 2. Niederlande 1:02,32, 3. Polen 1:04,06; 2. Rennen: 1. Deutschland-Achter 1:05,65 Min., 2. Niederlande 1:06,82, 3. Polen 1:07,07

 

 

SH Netz Cup über 12,7 Kilometer: 1. Deutschland 21:12,4 Minuten, 2. Niederlande 21:52,1, 3. Polen 42:25,0.

Deutschland-Achter GmbH
An den Bootshäusern 9-11
44147 Dortmund

Telefon: 0231-985125-11
Telefax: 0231-985125-25
info@deutschlandachter.de