„Es gibt keinen besseren auf der Welt“

Zum Ausklang einer einzigartigen Karriere erzählen einige Wegbegleiter von Martin Sauer, wie sie den Steuermann des Deutschland-Achter erlebt haben

Vor 13 Jahren steuerte er erstmals den Deutschland-Achter, nun hat Martin Sauer als erfolgreichster deutscher Steuermann aller Zeiten seine außergewöhnliche Karriere beendet. Der 38-Jährige hat während seiner Laufbahn weltweit neue Maßstäbe gesetzt und die Position des Steuermanns mit seinen Künsten mit beeinflusst. Zum Ausklang seines Weges im Team Deutschland-Achter kommen einige langjährige Wegbegleiter zu Wort und beschreiben, wie sie den achtfachen Weltmeister, neunfachen Europameister, Olympia-Gold-Gewinner und zweifachen Silbergewinner erlebt haben.

Ein prägnantes Merkmal von Martin Sauer sind seine motivierenden Kommandos, die auch manchmal bei den Fernsehübertragungen für die Zuschauer direkt zu hören sind. Der erste, der davon profitieren konnte, war Sebastian Schmidt, der sein erster Schlagmann im Deutschland-Achter war. „Wir haben uns 2004 im U23-Bereich kennengelernt, da war er schon ein erfahrener Steuermann – er wusste, wo der Hase lang läuft, was mir damals sehr geholfen hat“, erinnert sich Schmidt an die Anfänge: „Im Deutschland-Achter war er dann später häufig der vernünftige und ruhende Pol im Boot. Er hat sich immer viele Gedanken gemacht und uns als Team zusammengehalten. Martin war auch unheimlich fleißig und mehr als ein Steuermann. Er hatte einen sehr aktiven Part.“

Gemeinsam haben die beiden die WM-Titel 2009 sowie 2010 gewonnen und dabei eine Siegesserie aufgestellt. „Martin war in den Rennen Auge und Ohr, was die Gegner anbelangt. Wir konnten auf seine Worte voll vertrauen, er hat immer ein gutes Gespür gehabt“, berichtet Schmidt: „Ich erinnere mich zum Beispiel noch an die WM in Neuseeland 2010. Bei 1.500 Metern hat Martin gesagt: Wenn ihr jetzt nichts macht, dann wird Holland Weltmeister. Und dann hat es bei uns doch noch geklappt.“

Als Schlagmann hatte Schmidt eine besondere Beziehung zu Sauer, die sich auch über den Bootsrand hinaus ausgeprägt hat. Sauer war Schmidts Trauzeuge. „Martin ist sehr zielstrebig und professionell – das wirkt von außen manchmal hart. Aber was man häufig unterschätzt: Martin ist ein liebenswerter, sehr herzlicher Mensch. Wir sind nach wie vor eng befreundet und da bin ich sehr froh drüber. Ich schätze Martin als Menschen wie als Sportler“, sagt Schmidt.

Ocik: „Martin hat mich geprägt“

Nach Schmidt folgten weitere Schlagmänner, der letzte, der Sauer als Steuermann erleben durfte, war Hannes Ocik, mit dem er gemeinsam zweimal Olympia-Silber gewann. „Ich bin 2013 in den Achter gekommen und hatte nicht nur die Hose voll. Ich war ziemlich beeindruckt und sogar zum Teil eingeschüchtert von Martins Steuerkünsten und Fähigkeiten, mit welchem Gefühl er den Achter begleitet und gesteuert hat und sich auch für keinen Spruch zu fein war.“

Über die Jahre hat auch Ocik eine besondere Beziehung zu Sauer aufgebaut. „Seit 2015 sitze ich auf Schlag, da lernt man sich noch anders kennen, wenn man einem Menschen tagtäglich gegenübersitzt, man lernt Mimik und Gestik zu verstehen. Das hat über die Jahre dazu geführt, dass ich schon in der Bootshalle manchmal sein Stimmungsbild erkannte“, erzählt Ocik: „Martin hat mich auch geprägt. Er ist für mich der ehrgeizigste Mensch, den ich bisher kennengelernt habe. Da ziehe ich meinen Hut vor ihm. In jeglicher Trainings- und Wettkampfsituation war er wirklich verbissen hart zu sich selbst, zu seinem Umfeld und zu uns. Auch das hat uns erfolgreich gemacht. Manchmal war er zu verbissen, zu ehrgeizig. Da musste man dann die Diskussion mit ihm suchen, aber auch auf die ist er immer eingegangen. Auch das hat mich geprägt. Ich merke in vielen Situationen, dass diese Eigenschaften, die Martin mit ins Boot eingebracht hat, mir sehr gutgetan haben.“

Insgesamt sind die beiden acht Jahre gemeinsam im Deutschland-Achter von Erfolg zu Erfolg gerudert. „Rein sportlich gesehen haben wir Martin als Mannschaft natürlich sehr viel zu verdanken, er hat den Deutschland-Achter mit geprägt, hat sich immer eingebracht. Er war zum Teil der erste auf dem Platz und der letzte, der gegangen ist. Er war sich für keine Extrameile zu fein, das rechne ich ihm sehr hoch an. Da bin ich sehr dankbar für“, so Ocik.

Thiede: „Hat sich das Vertrauen erarbeitet“

Sauers Vorgänger als Steuermann war Peter Thiede, der seinen Nachfolger in gewisser Weise „anlernte“, auch wenn Sauer immer schon seinen eigenen Charakter hatte. „Martin war schon damals sehr ehrgeizig und leistungsorientiert. Er ist extrem akribisch und hat sich so das Vertrauen des Teams erarbeitet“, sagt Thiede und erinnert sich: „Wir haben damals als Steuerleute viel Zeit zusammen auf den Zimmern verbracht. Wir haben viele schöne gemeinsame Erinnerungen. Eine super Erfahrung war die WM 2006 in Eton, wo wir beide Weltmeister geworden sind – er im Vierer mit Steuermann, ich im Deutschland-Achter. Jetzt kann Martin auf eine wahnsinnig erfolgreiche Karriere zurückschauen, mit seinen vielen WM-Titeln und olympischen Medaillen. Das ist schon einzigartig.“

Wiesen: „Konnte viel von ihm lernen“

Als designierter neuer Steuermann im Deutschland-Achter vorgesehen ist Jonas Wiesen, der in den vergangenen Jahren viel Zeit mit Sauer verbracht hat. „Wir haben uns 2013 kennengelernt, als ich mit 17 Jahren ins kalte Wasser geworfen wurde. Martin hat mich damals gut aufgenommen, sodass ich viel von ihm lernen konnte“, sagt Wiesen: „Im ersten Moment hatte ich einen Heidenrespekt, Martin war ja gerade Olympiasieger geworden. Durch seine Art hat er mir aber schnell die Angst genommen. Er hat mir gleich einen Zugang zu ihm, zu seinen Gedankengängen, aber auch zum Team gewährt. Wir hatten immer einen guten, konstruktiven Austausch. Martin hat mir von Anfang an bis zum Ende viel geholfen, das hat nie aufgehört.“

Wiesen will jetzt seine eigene Rolle entfalten, die Erfahrungen mit Sauer aber nutzen. „Martins mit Abstand beste Eigenschaft ist, dass er unglaublich zielstrebig ist. Es ist absolut bewundernswert, wie er die Ziele immer fest im Blick hat und wie ehrgeizig er ist, diese zu erreichen. Ich will nicht Martin Sauer 2.0 werden, aber davon kann ich mir eine Scheibe abschneiden“, sagt Wiesen und lässt zum Ausklang von Sauers Karriere noch einen Abschiedsgruß da: „Ich wünsche ihm weiter alles Gute, damit er auf dem nächsten Lebensabschnitt die gleiche Kraft hat, alles durchzuziehen. Und dass er genau so viel Erfolg hat.“

Gruß aus der Heimat

Ein Abschiedsgruß kommt auch aus der Heimat. Bei seinem Heimatverein, dem Berliner Ruder-Club, hat Sauer trotz seines vollen Terminkalenders immer wieder den Achter gesteuert. Einer seiner Wegbegleiter vom BRC ist Jonas Schützeberg. Die beiden Sportler kennen sich schon aus dem Juniorenbereich. „Martin ist ein von Grund auf sehr ehrlicher und fairer Mensch, der immer klare Worte findet. Bei ihm weißt du, woran du bist. Im Achter hat er eine extreme Sicherheit ausgestrahlt, das Rennen gelesen wie kein anderer, war sehr souverän und hat dem Boot einen besonderen Spirit gegeben – ich hätte ihm als Ruderer alles geglaubt. Mit seinen Kommandos und seiner durchdringenden Sprechweise konnte er uns unfassbar heiß machen“, sagt Schützeberg, der mit Sauer als Steuermann Weltmeister im leichten Achter und Deutscher Meister im BRC-Achter wurde: „Martin ist sich für den Club-Achter nie zu schade gewesen. Er hat nie vergessen, wo er herkommt.“

Richard Schmidt: „Maximaler Erfolg“

Die letzten Abschiedsgrüße gehören an dieser Stelle Richard Schmidt, der so lange wie kein anderer mit Sauer zusammen im Deutschland-Achter gerudert hat und mit ihm gemeinsam Gold bei den Olympischen Spielen in London gewann: „Wir sitzen am längsten zusammen im Boot, haben maximalen Erfolg gehabt. Martin ist super ehrgeizig, hat mir in Anführungszeichen immer in den Arsch getreten. Ich bin sehr froh, ihn als Steuermann gehabt haben zu dürfen. Ich glaube, es gibt keinen besseren auf der Welt. Alle anderen müssen sich an ihm messen lassen.“

28.09.2021 | von Felix Kannengießer

Martin Sauers außergewöhnliche Karriere in Bildern.

Termine & ergebnisse

SH Netz Cup in Rendsburg:

Stadtwerke SH Ergo-Cup der internationalen Achter (500 Meter): 1. Polen 1:20,3 Min., 2. Deutschland-Achter 1:20,4, 3. Niederlande 1:21,8

Emil Frey Küstengarage Ruder-Sprint-Cup der Internationalen Achter (400 Meter), 1. Rennen: 1. Deutschland-Achter 1:01,52 Min., 2. Niederlande 1:02,32, 3. Polen 1:04,06; 2. Rennen: 1. Deutschland-Achter 1:05,65 Min., 2. Niederlande 1:06,82, 3. Polen 1:07,07

 

 

SH Netz Cup über 12,7 Kilometer: 1. Deutschland 21:12,4 Minuten, 2. Niederlande 21:52,1, 3. Polen 42:25,0.

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