Gemeinschaft als Antrieb
Tassilo von Müller im Portrait: vom Baldeneysee über die USA und England nach DortmundGemeinschaft, Ehrgeiz und die Freude am gemeinsamen Arbeiten im Boot – das sind Konstanten im Werdegang von Tassilo von Müller. Vom Baldeneysee in Essen über Princeton und Oxford bis hinein ins Team Deutschland-Achter zieht sich ein roter Faden durch seine sportliche Laufbahn: Rudern war für ihn nie nur Leistungssport, sondern immer auch Zusammenhalt, Freundschaft und ein Stück Heimat auf dem Wasser. Internationale Erfahrungen haben ihn geprägt, doch die Motivation ist bis heute dieselbe geblieben wie bei den ersten Schlägen im Ruderboot: mit dem Team etwas erreichen und dabei die Begeisterung für das Rudern bewahren.
Als Tassilo von Müller 2011 mit elf Jahren zum ersten Mal ins Ruderboot stieg, war der Weg zum Wasser nicht weit. Geboren und aufgewachsen in Essen, lag der Baldeneysee praktisch vor der Haustür. Sein Vater hatte während seines Studiums in den USA selbst gerudert und immer wieder angeregt, es doch auch einmal zu versuchen. Nach einem kurzen Abstecher in den Kanusport folgte von Müller diesem Impuls und fand Schritt für Schritt hinein in eine Sportart, die ihn bis heute begleitet. „Für mich war der Verein irgendwann wie eine Familie“, sagt er über seine Anfangszeit beim Ruderclub am Baldeneysee. Er ging allein zum Kindertraining, fand Anschluss und blieb. Nicht, weil sofort große Erfolge da waren, sondern weil das Gefühl stimmte. „Es war cool, beim Rudern auf dem See abschalten zu können“, so von Müller.
Erste größere Erfolge
Die ersten sportlichen Ausrufezeichen setzte er bei den B-Junioren, mit dem Deutschen Meistertitel im Vierer mit Steuermann. Doch auch hier blieb seine Perspektive gleich: „Die Gemeinschaft war gut, der Erfolg hat das einfach nur bestätigt. Rudern war zu dem Zeitpunkt schon eine Leidenschaft für mich, deswegen habe ich da gerne viel Zeit reingesteckt.“ Fünf bis sechs, später bis zu acht Trainingseinheiten pro Woche – während andere in seinem Alter auf Partys Stammgäste waren, betrieb er längst Leistungssport. Und dennoch sagt er: „Motivation war nie das Problem für mich, weil Training immer auch Zeit mit Freunden bedeutete.“ Dieses Grundgefühl trägt ihn bis heute. Im Team Deutschland-Achter schätzt er ebenso das tägliche Training, selbst wenn inzwischen Erwartungen und Leistungsdruck dazugehören: „Es macht mir Spaß, auf dem Wasser zu sein und mit dem Team zu arbeiten.“ Nur eines fehlt ihm manchmal: „Der Baldeneysee“.
Nach der U19-WM in die USA
2017 folgte ein großer Meilenstein: Die erste Junioren-Weltmeisterschaft – im Doppelvierer ruderte er kurz vor dem Abitur auf Rang vier knapp an einer Medaille vorbei. Im Anschluss zog es ihn in die USA nach Princeton, wo er das Abenteuer suchte. Das Rudern half ihm bei der Bewerbung und eröffnete ihm eine neue Welt. Statt mit zehn Athleten trainierte er plötzlich in einem Team mit 40 Ruderern, in der Saison oft mit fünf Achtern gleichzeitig auf dem Wasser. „Das waren alles andere Dimensionen in den USA“, erinnert er sich: riesige Sportanlagen, große Budgets, ein Bootshaus in ganz anderen Maßstäben als in Deutschland. Schnell stellten sich erste Erfolge ein: Bereits im ersten Jahr gewann er die Ostküstenmeisterschaft. Neben dem Sport arbeitete er fleißig am Studium und bestand seinen Bachelor in Maschinenbau. Viel Freizeit blieb nicht, „doch soziale Zeit entsteht im Training, beim gemeinsamen Essen, im Alltag des Teams“, berichtet von Müller: „Es war insgesamt eine coole Zeit“ – auch wenn das dritte Jahr durch Corona geprägt war. Das Einzige, was ihm fehlte, war die europäische Kultur. Und so führte ihn sein Weg wieder über den großen Teich zurück.
Nächste Station: Oxford
Für den Master zog der 1,99-Meter-große Athlet nach Großbritannien an die University of Oxford, wo er Luftfahrttechnik studierte. Als sich ein Projekt mit Rolls-Royce im Bereich Flugzeugturbinen ergab, wurden aus dem geplanten Master schließlich vier Jahre, weil er sein Studium in eine Promotion überführte. Mittlerweile hat er den Doktortitel in der Tasche. Auch privat passte es gut. Einige Kollegen studierten ebenfalls in Großbritannien und seine Freundin, die er in Amerika kennengelernt hatte – ebenfalls Ruderin –, zog nach London. Der Schritt trieb auch seine sportliche Entwicklung voran. Der Höhepunkt jeder Saison in England ist das legendäre Boat Race zwischen Oxford und Cambridge. In seinem ersten Jahr saß er im zweiten Oxford-Achter und konnte das Duell gewinnen. In den folgenden Jahren rückte er in den ersten Achter auf, musste jedoch Niederlagen gegen Cambridge hinnehmen. „Ich habe mit Olympioniken aus der Schweiz, Großbritannien und den USA gerudert und viele Erfahrungen gesammelt“, sagt von Müller. Doch sportlich blieb ein Gefühl: Da ist noch etwas offen. Diese „offene Rechnung“ war einer der Gründe, warum er 2025 nach Deutschland zurückkehrte.
Große Ziele in Deutschland
Im Dezember 2025 schloss von Müller seine Promotion erfolgreich ab. Parallel begann er einen Teilzeitjob bei Amprion im Bereich Netzwerke – sein erster Schritt in die berufliche Praxis außerhalb des universitären Umfelds. „Es macht Spaß, jetzt auch praktisch zu arbeiten“, erzählt er. Einen großen Schritt hat er auch beim Rudern gemacht. Seit September 2025 ist er fest am Stützpunkt Dortmund integriert. Im Trainingslager in Lago Azul gehörte er zuletzt zur Mannschaft, aktuell bildet er einen Zweier mit Tobias Strangemann. Sein Ziel ist klar formuliert: im Team Deutschland-Achter Fuß fassen, sich ins Boot arbeiten und international starten. Und vielleicht dabei ein Stück jener offenen Rechnung begleichen, die sich über die Jahre angesammelt hat. Was geblieben ist, ist das, was alles begonnen hat: die Freude am Rudern und das Gefühl von Gemeinschaft.
25.02.2026 | von Felix Kannengießer
Tassilo von Müller Ende November 2025 bei der Langstrecke in Dortmund …
Fotos: Detlev Seyb
… und im Trainingslager in Lago Azul.
Termine & Ergebnisse
Saison 2025/2026:
27.10.2025: Trainingsstart für alle
15.11.2025: BaselHead (Schweiz)
29./30.11.2025: Langstrecke in Dortmund (mit Ergometertest)
04.-20.12.2025: Trainingslager Lago Azul (Portugal)
20.01.-11.02.2026: Trainingslager Lago Azul (Portugal)
28./29.03.2026: Langstrecke in Leipzig (mit Ergometertest)
17.-19.04.2026: Deutsche Kleinbootmeisterschaften in München
29.-31.05.2026: Weltcup in Sevilla (Spanien)
12.-14.06.2026: Weltcup in Plovdiv (Bulgarien)
26.-28.06.2026: Weltcup in Luzern (Schweiz)
25./26.07.2026: The Finals in Hannover
30.07.-02.08.2026: Europameisterschaften in Varese (Italien)
23.-30.08.2026: Weltmeisterschaften in Amsterdam (Niederlande)
04.-06.09.2026: SH Netz Cup in Rendsburg
Unser weiterer Weg nach LA2028:
Weltmeisterschaften 2027 in Luzern (Schweiz)
Olympische Spiele 2028 in Los Angeles (USA, 14.-30. Juli 2028)
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