Jakob Schneider legt jetzt die Gegner auf die Matte

In einer neuen Serie hören wir bei den ehemaligen Athleten aus dem Deutschland-Achter nach, wie es bei ihnen nach der Ruderkarriere weitergeht

Nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio im vergangenen Sommer haben viele langverdiente Sportler aus dem Deutschland-Achter einen neuen Lebensweg eingeschlagen. Aus der Silber-Crew von Tokio sind aktuell nur noch Laurits Follert, Torben Johannesen und Olaf Roggensack dabei. Wir hören in unserer neuen Serie bei den ehemaligen Athleten aus dem Deutschland-Achter nach, wie es nach ihrer Ruderkarriere weitergeht. Im dritten Teil gewährt uns Jakob Schneider einen Blick in seinen neuen Lebensabschnitt.

Jakob Schneider rückte 2016 nach den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erstmals in den Deutschland-Achter. In seinen fünf Jahren im deutschen Flaggschiff gewann der „big five man“, wie Schneider direkt bei seinem ersten EM-Gewinn 2017 von World-Rowing-Kommentator Martin Cross getauft wurde, bei Welt- und Europameisterschaften insgesamt sieben Goldmedaillen. Mit Silber bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 beendete er seine Ruderkarriere.

Bei seinen Ruderkollegen war Schneider im Training wie im Wettkampf als „akribischer Arbeiter“ (Clemens Ernsting) und „ehrgeiziger Mensch“ (Johannes Weißenfeld) bekannt, aber im Privatleben ebenso als jemand, „mit einer lockeren Art“ (Marc Leske) und „mit dem man die Zeit genießen kann“ (Jonas Wiesen). Nach der Ruderkarriere hat er sich charakterlich nicht verändert. Der 28-Jährige weiß immer noch, wie man das Leben genießt, und seine Energie lässt er nun in einer anderen Sportart aus.

Zwei Wochen nach Tokio-Rückkehr beim Probetraining

„Ich habe kurz nach den Olympischen Spielen in Tokio mit einem neuen Sport angefangen, für den ich jetzt brenne: Brazilian Jiu Jitsu“, erzählt Schneider: „Ich bin vorher schon Fan gewesen, ein Kommilitone hat mich angesteckt. Ich finde das unheimlich spannend.“ Als der Gedanke gesät war, hielt es Schneider nicht lange bis zum ersten Probetraining beim Kamikaze-Club in Bochum, wo er aktuell auch im Stadtteil Wattenscheid wohnt und an der Ruhr-Universität studiert. Zwei Wochen nach der Rückkehr aus Tokio stand er erstmals auf der Matte.

Der Ehrgeiz hat ihn gepackt

Mittlerweile trainiert er bis zu sechsmal die Woche. Der Ehrgeiz hat ihn auch beim Brazilian Jiu-Jitsu, einer Weiterentwicklung aus Judo und Jiu-Jitsu, gepackt, wenn auch auf einem anderen Level. „Ich gehe täglich zum Training, will mich verbessern und habe schon an Wettkämpfen teilgenommen, aber es ist auch ein Lifestyle-Sport für mich, mit einem anderen Anspruch, einem anderen Gefühl. Ich versuche, es wie ein Hobby zu sehen und den anderen im Gym, die viel Erfahrung haben, ein gutes Workout zu geben. Wenn man mit 27 Jahren einen neuen Sport anfängt, dann ist man realistisch“, sagt er. Schneider war schon als Ruderer ein Typ, der lieber Leistung sprechen ließ. Und so hat er bei den ersten Wettkämpfen in der Weißgurtklasse gleich Gold, Silber und Bronze abgeräumt.

Große Umstellung

Dabei profitiert er natürlich auch von seinen vielen Jahren als Leistungssportler. „Fünfzehn Jahre Leistungssport sind kein Nachteil. Ich bin ja ein dünner Hering, da sind manche Gegner schon erstaunt, was dahintersteckt“, sagt der 1,99-Meter-Hüne und zieht ein Vergleich mit dem Rudern: „Ruderrennen sind mental härter als Kämpfe. Du musst im Boot permanent bis an die Grenzen und darüber hinaus gehen. Und du hast nur eine monotone, gleichmäßige Bewegung. Beim Brazilian Jiu-Jitsu gibt es mehr Bewegungen. Ich war nach den Einheiten physisch oft kaputt, obwohl ich einige Wochen vorher das olympische Finale gefahren bin. Ich war sehr fit, aber der Körper hat eine Zeit gebraucht, sich den neuen Belastungen anzupassen.“ Statt der Hände, die beim Rudern oft durch Spuren gezeichnet sind, schmerzte in den ersten Monaten eine Rippenprellung. Vom Rudern konnte er vor allem eine Eigenschaft nutzen: „Ruhig zu bleiben in Situationen, in denen man mit wenig Sauerstoff auskommen muss, denn Brazilian Jiu-Jitsu ist ein Sport, wo auch gewürgt wird.“

Den Deutschland-Achter im Blick

Den Deutschland-Achter verfolgt Schneider noch regelmäßig, hat kein Rennen verpasst und sich das EM-Finale von Richard Schmidt live per Facetime übertragen lassen. Im Ruderboot saß er nach Olympia hingegen nur noch ab und zu beim Ruderclub am Baldeneysee, zuletzt Anfang des Jahres. „Ich habe mir vorgenommen, bei der Stadtmeisterschaft in Essen im Oktober an den Start zu gehen, aber ich komme auch gut zurecht damit, nicht mehr regelmäßig im Boot zu sitzen. Ich habe einen guten Ersatz gefunden“, erzählt Schneider, der seit der sechsten Klasse im Ruderboot saß: „Wenn ich am See bin und Ruderboote sehe, denke ich mir manchmal: Es wäre schon schön, jetzt über das Wasser zu gleiten. Ich bin dankbar, dass ich den Sport auf höchstem Niveau machen durfte, aber ich brauche das nicht mehr. Ich will mir kein endgültiges Urteil bilden, aber eine Rückkehr zum Leistungsrudern ist bei mir Stand jetzt eher unrealistisch.“

Klarer Plan für die Zukunft

Stattdessen hat er sich einen anderen Fokus gesetzt. Neben dem neuen Sport steht vor allem das Lehramts-Studium (Biologie / PWG) im Vordergrund, wo er bald den Bachelor und danach den Master machen will. „Und dann mit Anfang 30 auch mal anfangen zu arbeiten“, sagt er: „Auch wenn ich froh bin, mich jetzt nicht sofort ins Arbeitsleben stürzen zu müssen.“ So kann er nämlich auch die schönen Seiten des Lebens genießen.

Das süße Leben

„Ich genieße es zum Beispiel, nicht mehr jeden Tag um 6.30 Uhr aufzustehen und um 23 Uhr schlafen zu müssen. Diese Umstellung ging auch schneller als gedacht. Und es ist natürlich super, dass ich jetzt die Wochenenden zu meiner Verfügung habe und in den Ferien wegfahren kann – das findet meine Freundin auch nicht so schlecht. Sie hat das mit dem Leistungssport sieben Jahre mitgemacht. Wir wissen unsere gemeinsame Zeit jetzt doppelt zu schätzen“, erzählt Schneider.

Viel unterwegs

Ansonsten verbringt Schneider seine neu gewonnene Zeit gerne am Baldeneysee in Essen, wo er auch hin und wieder einen Segeltrip startet. „Ich kann jetzt mit gutem Gewissen mehr schöne Dinge machen als vorher, wo es nur in den drei Wochen nach der WM möglich war. Ansonsten mussten wir ja immer vor Ort sein. Das musste auch so sein, wenn du vorne mitspielen willst“, verrät Schneider, der die neuen Möglichkeiten gut nutzt, vor allem Skiurlaube haben es ihm angetan. Aber auch in seiner Heimat in Ihringen lässt er sich wieder häufiger blicken, mit Johannes Weißenfeld ist er dort durch die Weinberge geradelt. „Ich war seit meinem 16. Lebensjahr, als ich ins Sportinternat bin, nicht mehr so viel in meiner Heimat“, sagt Schneider und zeigt sich zufrieden mit seinem neuen Lebensabschnitt: „Es gefällt mir so, wie es gerade ist.“

05.09.2022 | von Felix Kannengießer

Jakob Schneider bei seiner neuen Leidenschaft, dem Brazilian Jiu-Jitsu …

… und Jakob Schneider als Ruderer im Deutschland-Achter.

Termine

SH Netz Cup in Rendsburg

Freitag, 30.09.: Ergo-Cup im Rendsburger Hafen (19.30 Uhr)
Samstag, 01.10.: Sprintrennen im Rendsburger Hafen (16.10 Uhr)
Sonntag, 02.10.: 12,7-Kilometer-Langstrecke von Breiholz nach Rendsburg (13.10 Uhr)
Nationen: Deutschland, Niederlande, USA, Ukraine

TV-Übertragung:
NDR Schleswig-Holstein Magazin (Fr., ab 19.30 Uhr)
NDR live (So., 13.00 Uhr - 14.00 Uhr)
Weitere Infos: shnetzcup.de

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