Dr. Annelen Collatz sorgt für mentale Stärke

In der neu aufgelegten Serie „Das Team hinter dem Team“ stellen wir alle zwei Wochen einen Mitarbeiter aus dem Funktions- und Betreuerkreis vor. Heute zur Premiere: Diplom-Psychologin Dr. Annelen Collatz.

Es gibt viele Faktoren, die zum Erfolg der Ruderer des Team Deutschland-Achter beitragen. Im Kraftraum werden die Muskeln gestählt, im Ruderboot wird die Technik verfeinert, auf dem Rad an der Ausdauer gearbeitet – Diplom-Psychologin Dr. Annelen Collatz hingegen sorgt für mentale Stärke. Die Psychologie ist eine wichtige Stellschraube geworden, denn der Kopf nimmt im Leistungssport eine entscheidende Rolle ein. Collatz hat viel dazu beigetragen, dass Hemmschwellen bei dem einstigen Tabuthema abgebaut wurden.

Collatz, die eigentlich als Management-Coach arbeitet, ist kurz nach den Olympischen Spielen 2012 in London zum Betreuerkreis des Team Deutschland-Achter gestoßen. Zuvor hatte sie zwölf Jahre lang an der Ruhr-Universität in Bochum gelehrt – einer ihrer Studenten war dabei Florian Mennigen, damals Aktivensprecher und Teil des Deutschland-Achters. „So sind die ersten Berührungspunkte mit dem Rudern bei mir entstanden“, erinnert sich Collatz.

Mit der Zeit beschäftigte sie der Sport immer mehr. Im November 2011 war sie erstmals in die direkte Betreuung eines Ruderbootes involviert, kurz vor Olympia kam ein weiteres hinzu. Die Arbeit der Sportpsychologin kam gut an. So gut, dass Collatz nach London offiziell Teil des Betreuer-Teams im nationalen Männer-Riemen-Bereich wurde. Als eine von vier Psychologen des Deutschen Ruderverbandes kümmert sie sich um die Athleten vom Stützpunkt Dortmund.

Hemmschwelle überwunden

Der Anfang war gar nicht so einfach. Über Themen, welche die Psyche belasten, wird oftmals nicht gerne gesprochen. Gerade bei Leistungssportlern, die immer liefern müssen, besteht die Angst, dass dies als Schwäche ausgelegt wird. Collatz will vom Gegenteil überzeugen: „Die Psyche rudert immer mit. Die psychologische Arbeit hilft den Sportlern, ihre Leistungsfähigkeit voll auszunutzen und die PS vom Training in den Wettkampf zu bringen.“

Manchmal braucht es nur einen, der vorangeht, um die Hemmschwelle bei vielen zu überwinden. So war es auch in Dortmund. Bei einer Versammlung der Ruderer Anfang 2017 stellte Collatz sich und ihre Arbeit vor. Als es um Fragen zum Thema ging, stand einer der Sportler auf. „Er hat gesagt, dass er es nur empfehlen kann, lieber früher als später zum Psychologen zu gehen – weil er selbst zu spät gegangen sei“, berichtet die Diplom-Psychologin: „Seitdem ist es viel entspannter und der Umgang mit dem Thema offener.“

Arbeit an Ängsten und Glaubenssätzen

Collatz arbeitet mit den Sportlern in Einzelsitzungen in ihrem Büro in Essen, um Privatsphäre und eine neutrale Atmosphäre zu schaffen. Bei den Gesprächen stehen Ängste und die zugrunde liegenden Glaubenssätze im Vordergrund. „Dabei geht es darum, die inneren Rahmenbedingungen und den Ursprung des Problems herauszuarbeiten. Was wir von uns selbst annehmen und woher die Ängste kommen“, sagt die klärungsorientierte Psychotherapeutin, die diese Dinge auch mit Hypnose aufarbeitet: „Ich führe die Person dahin zurück, wo der negative Glaubenssatz entstanden ist. Das kann auch unabhängig vom Rudern sein. Wir verändern die Situation dann so lange, bis sie positiv ist.“

Auch Themen über das Boot hinaus

Bei den Sitzungen dreht sich naturgemäß viel um das Rudern und die Mechanismen innerhalb des Sports. Aber ebenso werden soziale Themen außerhalb des Bootes, welche die Leistung beeinflussen können, besprochen. Ein wichtiger Punkt für viele Ruderer ist die Doppelbelastung mit Unistress und Leistungssport. „Sie sind es gewohnt, immer vorne mit dabei zu sein. Das kann beim Studium aber nicht immer der Fall sein, weil die Sportler einen ganz anderen Zeitplan haben“, sagt Collatz, die selbst an der Ruhr-Uni studiert und später dort promoviert hat.

Olympia im Fokus

Aktuell steht natürlich Olympia voll im Fokus. Das Großereignis 2020 in Tokio ist bei allen Ruderern schon im Hinterkopf. „Im Olympia-Zyklus ist für alle die Belastung besonders groß. Vor allem durch die Situation mit der Nach-Qualifikation des Vierers und Zweiers ist der mentale Druck enorm hoch. Ohne psychologische Begleitung wird es definitiv schwerer, das Ziel zu erreichen“, ist Collatz überzeugt: „Gerade jetzt ist es wichtig, die richtige Balance zwischen Belastung und Entspannung zu finden und zu schauen: Was kostet mich Kraft? Was gibt mir Energie?“

Rund die Hälfte der Ruderer nutzt das Angebot

Die Begleitung durch Collatz ist für die A-Kader-Sportler am Stützpunkt Dortmund nur ein Angebot. Verpflichtend ist es nicht. Trotzdem nutzt es rund die Hälfte des Teams. „Die Wirkung ist am größten, wenn die Person freiwillig kommt“, sagt Collatz, findet aber auch: „Psychologische Arbeit sollte im Sport mehr eingeplant werden. Mein Traum wäre es, dass jeder einmal im Jahr zum Gespräch kommen muss. Die psychologische Begleitung läuft über Vertrauen und wenn man die Person kennt, kann man im Bedarfsfall besser auf sie eingehen.“

Auch die Ausrede, man habe doch keine Probleme gilt bei Collatz nicht. „Man kann auch unausgesprochene Themen aufmachen, damit sie in Stresssituationen nicht relevant werden“, sagt sie. Damit auch die letzten Stellschrauben für Olympia sitzen und die Sportler mit voller Power Richtung Tokio starten können.

24.11.2019 | von Felix Kannengießer

Damit die Ruderer nach den Rennen jubeln können, sind viele Faktoren wichtig, einer davon ist die Psychologie.

Dr. Annelen Collatz im Gespräch.

Dr. Annelen Collatz bei der Feier nach dem Gewinn der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Rio 2016.

Collatz saß schon im Ruderboot

Weil Annelen Collatz nicht vom Rudern kommt, musste sie sich in die Sportart erst einmal einfühlen. Zu Beginn ihrer Zeit beim Team Deutschland-Achter fuhr sie beim Essener Turn- und Fechtklub (ETUF) einige Male mit der Ruderabteilung raus. „Das war sehr hilfreich. Es war mir wichtig, ein Gefühl für den Sport zu bekommen. Du musst verstehen, was die Besonderheiten sind“, sagt die Sportpsychologin. Auch die Atmosphäre bei Wettkämpfen saugt sie regelmäßig auf, war schon bei Weltcups und Weltmeisterschaften mit dabei. Und wenn sie mal nicht am Streckenrand steht, gibt sie hin und wieder auch Soforthilfe per WhatsApp oder Telefon.

Termine

13.12.2019: Felix-Award in Düsseldorf

15.12.2019: Sportler des Jahres in Baden-Baden

28.12.2019 - 13.01.2020: Trainingslager in Sabaudia/Italien 

26.01.-02.02.2020: Trainingslager mit Überprüfungen im Zweier und Vierer in Montemor-o-Velho/Portugal

03.-13.02.2020: Trainingslager in Lago Azul/Portugal 

01.-16.03.2020: Trainingslager in Gavirate/Italien

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